DE – Dahoam und doch net dahoam
Geschrieben von Stefan Fischer   
Mittwoch, 30. April 2008
Wir nehmen Abschied von Afrika. Mit Verspätung. Dafür fliegen wir ins Morgenrot. Kapstadt und der Tafelberg wird für uns, des Abschieds würdig, malerisch beleuchtet.
Den ersten Kulturschock haben wir bereits hinter uns. Am Check-in grüßt uns Deutschland. Es ist hektisch, jeder drängelt und nölt was er kann - Wir freuen uns auf zu Hause. Der Flieger bringt uns bis nach Hamburg, allerdings mit Zwischenstopp auf bayerischem Boden.
Die Zeit reicht für ein Weißwurst-Spätstück. Gelassen betrachten wir die Schwarzkittel mit Aktenkoffer, Blackberry, iPhone und Laptop. Alles drängelt, ist hektisch. Warum eigentlich? Im Flieger gibt es numerierte Plätze und los geht es erst, wenn alle drin sind. Ersetze Schwarzkittel durch bunte Klamotten, Aktenkoffer durch Kleinkind und Laptop durch Ziege oder Huhn. Dann geht es hier genauso zu wie auf jedem afrikanischen Buschtaxibahnhof. Flieger sind die Buschtaxis der ersten Welt.
Ankunft in Hamburg. In München waren es noch 18°C, hier sind es nur noch 6°C. Der Kulturschock setzt sich fort, positiv wie negativ: Die Menschen kommen uns auf der „falschen" Seite entgegen. Kaffee schmeckt auch ohne Zucker wieder. Die Sonne bewegt sich falsch herum und steht im Süden statt im Norden. Das Kreuz des Südens hat mit dem kleinen Wagen getauscht. Deutsche Nachrichten gehen (außer USA und Russland) über die EU nicht hinaus. Für Afrika interessiert sich hier keine Sau. Nur Massensterben führt zu Schlagzeilen. Beim Überqueren der Straße müssen wir uns wieder an den Blick zur richtigen Seite gewöhnen.

Das Schiff mit unserem Auto hat die Verspätung nicht wie erhofft eingeholt, sondern sich noch mehr verspätet. So bleibt uns Zeit bei Freunden, die wir in Afrika kennengelernt haben, vorbeizuschauen. Sie sind alle schon zurück von einer längeren Reise und verhelfen uns zum Ankommen in homöopathischen Dosen im ganz normalen Wahnsinn. Große Koalition, Rauchverbot, Umweltplaketten. Auf die Politik ist Verlaß, es wird an den wirklich wichtigen Themen gearbeitet.
Die ersten Tage verbringen wir bei Sönke und Katrin, die wir in Malawi kennen gelernt haben. Entspannte Tage mit Bilder gucken, Deichwanderungen, fein Essen (auch am Deich gibt es Kudu und Krokodil) und langsames Eingewöhnen. Bei mir gewöhnt sich auch langsam eine Erkältung ein.

080425_1.jpgNeues aus dem Hafen. Das Schiff mit unserem Auto hat zwei Wochen Verspätung. Der ursprüngliche Plan, verschiedene Leute auf dem Heimweg zu besuchen, fällt aus. Also Plan B, ein Mietwagen muss her. Die Preise für Mietwagen habe ich im Internet schneller, als sich bei Bahn.de die Verbindungsseite aufbaut. Manche Dinge ändern sich einfach nicht. Eh wurscht, da die Bahn nicht nur zu spät, sondern auch zu teuer ist, selbst bei hiesigen Spritpreisen. Doch auch ein Mietwagen ist nicht so einfach zu haben. Denn den gibt es nur mit nationalem Führerschein und der liegt zu Hause. Der Internationale ist hier nichts wert. Barbaras Schwester läßt uns den Nationalen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion via UPS zukommen.
Am Steinhuder Meer treffen wir Anne und Wilfried und schwelgen in Namibia-Erinnerungen. Bei Ulla und Fred in Minden lassen wir unsere Sambiaerlebnisse Revue passieren. Ganz langsam gewöhnen wir uns wieder an Deutschland. Doch manche Dinge können und wollen wir noch nicht ablegen. Trotz der Kälte verbringen wir viel Zeit an der frischen Luft, haben wir doch nun ein Jahr draußen gewohnt. Auch unser Lagerfeuer vermissen wir. Schnell ist mit Fred aus einer alten Renault-Halbfelge eine Feuerstelle geschweißt. Abends sitzen wir am Feuer und backen Stockbrot. Afrika läßt grüßen.

080425_2.jpgCvrĉak ist da. Mit Hilfe der Spedition finden wir „unseren" Container im Hamburger Freihafen. Der ist schnell geöffnet. Neben uns ein großer Container mit Ziel Afghanistan. Er ist voll beladen mit Autos, doch der Zoll will vorher noch einen Blick darauf werfen. Die Händler stehen frustriert herum, haben sie doch die Fahrzeuge als Diebstahlschutz mit dem Container verschweißt. Nun stehen sie da mit der Flex und dem Gabelstapler. Wir haben mehr Glück beim Zoll. Erst wird unser Carnet de Passage ungläubig bestaunt (Diese Blicke kennen wir aus Afrika). Doch mit Überprüfung der Fahrgestellnummer und einem Blick ins Auto ist man zufrieden. Mit einem Passierschein verlassen wir den Freihafen.

080425_4.jpgAuf dem Weg nach Süden schauen wir noch mal bei Fred und Ulla vorbei. Die Renaultfelge nehmen wir mit, so schnell wollen wir auf unser Lagerfeuer nicht verzichten.
Haben wir uns nicht immer gewundert wie klein die Welt in Afrika ist, klein ist sie auch hier. Auf dem Weg nach Süden überholt uns ein Audi-Kombi auf der Autobahn. Nein, er fährt neben uns. Was will der denn? Als ich genauer hinschaue, winkt die Dame auf dem Beifahrersitz wie wild. Im meinem Hirnkästchen läuft lautstark der Vergleich des Anblicks mit meiner Personendatenbank ab. Ich werd' verrückt, das sind tatsächlich Susanne und Axel neben uns, Freunde aus München.
Nach einem Jahr rollen wir langsam in der „Heimat" ein. Doch auch der Begriff hat sich gewandelt. Ein Stückchen Heimat haben wir auch unterwegs oft gefunden. Uns ist noch nicht nach Wurzeln schlagen, wir genießen unser Nomadentum. Inzwischen ist griechische Ostern, die Ankunft daheim wird uns entsprechend versüßt.

Die Sonne scheint, wir sitzen draußen. Pläne haben wir noch keine, wir wollen erst mal in Ruhe ankommen.

 
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